Marquesas Inseln

 

Französisch-Polynesien

Marquesas Inseln

Hiva Oa 26. - 30. 11. 2022

 

Das am Vorabend bestellt Taxi holt uns tatsächlich um 4 Uhr 45 ab. Bisher ist auf die Dienstleister und die terminlichen Abmachungen Verlass, was die geplanten Transporte natürlich deutlich erleichtert. Die kleine Propeller-Maschine ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Entfernung zwischen Tahiti und Hiva Oa, unser ersten Marquesas Insel, beträgt 1500 km, die von der Turboprop in 3 ½ gemeistert werden. Die vielen Wolken verwehren den Blick auf die südlich gelegenen Marquesas Inseln, die meistenteils unbewohnt sind. Erst kurz vor der Landung auf Hiva Oa reißt die Wolkendecke auf und enthüllt eine interessante gebirgige Landschaft. Auf einer Hochfläche im Inselinneren kämpft sich das kleine Flugzeug gegen die heftigen Windböen auf die Landebahn. Das war mal wieder so ein Moment, an dem mir die Stelle in Fausts Monolog einfiel: „Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder.“ 

Kaum können wir es fassen: wie sind tatsächlich auf den Marquesas Inseln, die so weit entfernt von allen Kontinenten mitten im endlosen Pazifik liegen. Kein Wunder, dass sie mehr oder weniger zufällig 1595 vom Spanier Alvaro de Mendaña de Neyra entdeckt wurden. Er fuhr mit vier Schiffen von Peru zu den Salomonen, um dort einen spanischen Stützpunkt zu errichten. Zunächst sichtete er die Insel Tahuata und benannte die Inselgruppe nach Marqués de Mendoza, dem damaligen Vizekönig von Peru: „Las Islas Marquesas Don García Hurtado de Mendoza y Cañete“, verkürzt „Marquesas“. Mehrere Konflikte mit den ursprünglich freundlichen Bewohnern ließen die Spanier von einer Eroberung absehen. Die Inselgruppe geriet dann in Vergessenheit, bis sie von James Cook wiederentdeckt wurden, der sich während seiner zweiten Südseeexpedition vom 7. bis 11. April 1774 in den Gewässern aufhielt. Nach wissenschaftlichen Theorien sind die Inseln aber schon lange vorher von den Polynesiern entdeckt und besiedelt worden. Die Fachexperten streiten sich allerdings über den genauen Zeitraum. Die Schätzungen gehen von 1000 - 500 v.Chr. bis 1000 n. Chr.. Eine genauere Einordnung ist schwer zu treffen, weil es keine archöäologischen Funde gibt, die dazu Hinweise geben könnten. Die Funde auf den Osterinseln zählen zu den älteren und die werden auf ca. 1000 n. Chr. geschätzt. Dass die Besiedlung der Osterinseln und der polynesischen Inselwelt zusammengesehen werden muss, ist offenkundig wissenschaftlicher Mainstream. Die handfesen archäologischen Funde, also die künstlichen Steintrassen und Substruktionen zu Kultstätten, die Tikis etc. im polynesischen Raum sind allerdings relativ jung, zwischen 1200 n. Chr. bis zum Auftauchen der Europäer, und lassen nur wenig Rückschlüsse auf die zivilisatorischen Standards der Urpolynesier zu. Immer noch ein Rätsel und Anlass zu großer Hochachtung der Seefahrttechnik und Navigationskünste der Polynesier ist die Tatsache, dass diese Völker mit ihren Auslegerbooten so riesige Entfernungen zurückgelegt haben und die kleinen Inseln in der unendlichen Weite des Pazifiks gefundenhaben, an denen Magellan, der Namensgeber dieses größten Weltmeers, bei seiner Reise vorbeigefahren ist, nötigt größten Respekt vor der seemännischen Kompetenz dieser Völker ab.

 

Der Kontakt zu unserer Unterkunft im Relais Moehau in Atuona, dem Hauptort der Insel Hiva Oa, klappte so gut, dass unser Transfer schon bereitstand, denn der Flugplatz ist 17 km vom Hauptort entfernt. Das ist ein Grundproblem auf den Marquesas Inseln, die große Distanz zwischen Flugplatz und Hauptort wegen der schroffen Gebirge im Rückgrat der Inseln. Wir beziehen zwei Zimmer in einem Nebengebäude, was hoch am Hang über dem Hauptgebäude und Restaurant thront. Zwar wird uns jeweils eine kleine Bergtour abverlangt, das Gepäck wird allerdings mit dem Auto hochtransportiert, gelegentlich sogar wir selbdritt, wenn es gerade passte. Die herausragende Lage unserer Zimmer hatte allerdings den unschlagbaren Vorteil, dass uns ein unvergesslicher Blick über die Bucht und den Ort mit dem dahinter stolz hochragenden Mont Temetiu (1280 m = so hoch wie der Schauinsland, aber direkt von Meeresniveau). Das war ein Blick, den man unmöglich vergessen kann und der die gelegentliche Mühe des Aufstiegs zu unserer Unterkunft allemal lohnte. Am Ankunftstag ist zunächst erst einmal Erholung angesagt, denn wir mussten ja extrem früh aufstehen. Erst am späten Nachmittag sind wir bereit für eine erste Inspektion des Hauptortes. Uns fällt auf, dass sowohl die öffentlichen Bereiche als auch die privaten Grundstücke deutlich gepflegter erscheinen als auf Rangiroa. Das Bürgermeisteramt, die Gendarmerie, die Post, als auch der kleine Supermarkt machen das Kernstück des Ortes aus und wirken nicht heruntergekommen, sondern strahlen so einen insularen schüchternen Charme aus. Die kleine Kirche mit Kindergarten und Grundschule verstecken sich hinter Bananen und Mangobäumen in der zweiten Reihe. Wenn man bei Thor Heyerdahl, der Atuona kurz vor dem 2. Weltkrieg besucht hat, liest, dass das Örtchen damals nur aus ein paar ärmlichen Blechhütten bestand, ist der Fortschritt eindrucksvoll zu erkennen. Hinter dem Ort steigt das Tal steil auf bis an die fast senkrechten Basaltwände, die sich vom Mont Temetiu in einem Halbkreis um den Ort aufbäumen. Man kann leicht erkennen, dass es sich ursprünglich um einen eingestürzten Krater handelt, der sich zur Bucht hin geöffnet hat.

Anlässlich unseres 17. Hochzeitstages wollen wir Thomas heute Abend zu einem schönen Dinner einladen. Den Empfehlungen der Reiseführer folgend, suchen wir ein kleines Restaurant am westlichen Ortseingang aus, das tatsächlich geöffnet hat. Obwohl das Essen wirklich sehr schmackhaft zubereitet ist, wirkt das ganze Mahl wie eine Geisterveranstaltung, da wir die einzigen Gäste sind und im Halbdunkel sitzen. Katrin missfallen dazu auch noch die Plastiktischdecken, die so gar nicht zu dem sonst leckeren Dinner passen. Zur Feier des Tages genehmigen wir uns auch eine Flasche Weißwein. So wird es dann doch noch ein gemütlicher Abend.

Auf dem Nachhauseweg und dem kleinen Aufstieg zu unseren Zimmern schimmert der südliche Sternhimmel zwischen den Wolken durch. Leider öffnet sich nur die südliche Himmelshälfte den Blicken, so dass uns das Kreuz des Südens nicht strahlt. Der von unserem Pensionswirt empfohlene Tourenguide sucht uns noch hoch in unserer Bleibe auf und macht Vorschläge für Aktivitäten in en nächsten Tagen.

 

27.11.2022 1. Advent

 

Wolkenloser Himmel und 30 C. lassen bei uns so gar keine adventliche Stimmung aufkommen. Nach dem Frühstück in unserem Relais, das etwas reichhaltiger und früchtelastiger ist als in der Pension in Aotera, wollen wir den berühmtesten Gräbern auf Hiva Oa einen Besuch abstatten. Der kleine Friedhof liegt auf halber Hanghöhe über Atuona und nach einer halben Schweißstunde finden wir auf dem hübschen Friedhof mit herrlicher Sicht über die Bucht und in die Bergrunde auch rasch die Gräber von Jacques Brel und Paul Gauguin. Der Maler Gauguin ist einer der berühmtesten Aussteiger des 19 Jhdt., die auszogen, das Paradies in der Südsee zu finden. Schon auf Tahiti musste er enttäuscht und verarmt erkennen, dass die europäische Zivilisation die ursprüngliche Kultur der Polynesier zerstört hatte. Auch bei seinem zweiten Versuch auf der wesentlich weiter entfernten Insel Hiva Oa 1901 hat er mit demselben Phänomen zu kämpfen. Seine Kritik an den christlichen Missionaren und sein auch in den Augen der französischen Behörden unsittliches Zusammenleben mit einer sehr jungen Einheimischen brachten ihm sogar eine Gefängnisstrafe ein, deren Verbüßung er aber durch seinen frühen Tod 1903 entging. Inzwischen ist er vielleicht der bekannteste Künstler, der sein Werk Polynesien gewidmet hat. Deshalb hat man ihm in Atuona ein Kulturzentrum gewidmet. Da jedoch nur Kopien ausgestellt werden und auch sein Wohnhaus, das er bezeichnenderweise „Haus der Lust“ genannt hat, auf Verlangen der Kirche nach seinem Tod abgebrannt wurde, hat uns das kleine Museum mit dem Nachbau seines Hauses nicht gelockt. Auf jenem Friedhof ist auch der belgische Chansonnier und Lyriker Jacques Brel begraben, der in Atuona gelebt hat und dort 1978 gestorben ist.

Dem abendlichen Bad an dem schwarzsandigen Strand habe ich wohl den Überfall von Sandflöhen zu verdanken, deren Stichteppich über meine Beine mich die nächsten Tage ordentlich plagen sollte.

 

Am Montag, 28.11.2022, haben wir einen Allradjeep gemietet, um die Nordostseite der Insel kennenzulernen. Zunächst fahren wir nach Westen in die Nachbarbucht direkt an den Westabbrüchen des Mont Temetiu entlang zu dem kleinen Weiler Taaoa. Dort finden wir mit Hilfe der Einheimischen eine eindrucksvolle altpolynesische Kultstätte. Sie soll die größte Anlage des ganzen Marquesas Raumes sein. Große Festplätze und mehrere aus Basaltsteinen gebaute Tempeltrassen verstecken sich im Urwald. In einer Kultanlage finden wir auch noch einen gut erhaltenen Tiki mit interessantem maskenhaftem Gesicht. Wieder zurück auf der Hauptstraße von Atuona zum Flugplatz, führt uns die Straße auf die Hochfläche, auf der auch der Flugplatz liegt.Sie ist dicht bewaldet, man begegnet Kühen und Pferden, die sich an dem saftigen Gras gütlich tun. Auch die Luft in ca. 800 m Höhe ist angenehm kühl. Aber schon wenige Kilometer nach der Abzweigung zum Flugplatz endet der Asphaltbelag. Thomas, unser wackerer Driver, hat Mühe, den vielen Schlaglöchern auszuweichen. Aber es sollten noch größere Herausforderungen auf ihn warten. Vom höchsten Punkt aus öffnen sich fantastische Weit- und Tiefblicke an die Nordküste und die tief eingeschnittenen Buchten. Die Freude über das Wiederauftauchen von Asphalt wird allerdings gebremst von der waghalsig schmalen Strecke direkt an der Nordküste. Die atemberaubenden Tiefblicke sind deshalb durch die schmale Straße an schwindelnden Abgründen entlang, natürlich ohne Leitplanke, und den vielen Steinschlägen, denen Thomas geschickt ausweichen muss, hart erkauft. An dieser Küste wird besonders deutlich, dass die Marquesas Inseln uns als eine Art Mischung aus griechischen Inseln, den Kanaren und der Südsee erscheinen. Die einsamen Buchten in bergiger Landschaft könnten auch so in Griechenland gefunden werden. Die schroffen Vulkanhänge erinnern eher an die Kanaren. Aber die Taleinschnitte voller Kokospalmen und Bananenstauden gehören natürlich in die tropische Welt der Südsee. Die Straße endet in dem Örtchen Puama’u, in einer pittoresken Bucht. Eigentlich kann man in dem kleinen Restaurant „Chez Marie-Antoinette“ nur mit Reservierung ein Lunch genießen. Aber Thomas gelingt es mit seinem guten Französisch und seinem Charme die Chefin dazu zu bewegen, uns auch zu bewirten. Es sollte sich wirklich lohnen: das typisch marquesisische Menü besteht aus Poisson Cru, Ziegenbraten in Kokossoße und Wildschweinpfeffer. Endlich mal wieder richtig gut gegessen! Die Zubereitungszeit können wir mit dem Anschauen der archäologischen Reste auf dem Grundstück des Restaurants überbrücken. Das wird ein kleiner Vorgeschmack auf die riesige Anlage „Ti’i Pona“ ganz in der Nähe von Puamau. Hier ist nicht nur eine eindrucksvolle Kultstätte so restauriert, dass man sich die Anlage im Original gut vorstellen kann, sondern hier sind auch noch mit 2,67 m Höhe die größten Steinfiguren (Tiki) französisch Polynesiens zu bewundern. Eine besonders prächtige liegende Figur wird als die Schmetterlingspriesterin gedeutet und ist berühmt im ganzen polynesischen Raum. Der Künstler soll seine Frau, die bei der Geburt ihres Kindes gestorben sein soll, hiermit verewigt haben. Es ist gut, die Heimfahrt über die schmale Küstenstraße an den schwindelnden Abgründen entlang und das Stück Schlaglochpiste noch bei Tageslicht zu fahren.

 

Kleiner Exkurs über die Religion der Urpolynesier

 

Die heutige Begegnung mit den eindrucksvollsten archäologischen Funden auf unserer Reise bisher hat uns zur Diskussion und zu Überlegungen über die kulturelle und religiöse Geschichte der einheimischen Bevölkerung angeregt. Unsere Gedanken möchte ich in einem kleinen Exkurs zusammenfassen:  Wozu dienten denn die Kultstätten (Marae)? Gab es dort Tempel? Welche Götter wurden verehrt? Wen stellen die vielen gesehenen Tiki dar? Warum haben die Figuren so mächtig große Augenhöhlen? Auf die meisten Fragen geben die einschlägigen Reiseführer oder auch die Fachliteratur nur vage Antworten oder Theorien ohne schlüssige Beweise.  Das ist umso merkwürdiger, weil die Anlagen gar nicht so alt sind, meist erst aus dem 18. Jhdt./19. Jhdt., und die Einheimischen ja nicht ausgestorben und deshalb befragbar sind, zumindest im Sinne einer oral history, da es offenbar keine voreuropäische Schrift gab. Offenbar haben sich die Polynesier wie fast alle Naturvölker die Welt animistisch belebt vorgestellt. Ebenfalls soll es einen Ahnenkult gegeben haben. Die Kultplätze dienten wohl als soziale wie religiöse Versammlungsstätten, die das Zusammenleben spirituell legitimierten. Einige Mythen und Heroisierungen vergangener Ereignisse sind von Gelehrten im 19. Und 20. Jhdt. erfasst worden, die aber uneinheitliche, ja fast widersprüchliche Aussagen festgestellt haben. Die detailliertesten Informationen hat Thor Heyerdahl bei seinem Experiment „Zurück zur Natur“ auf der Marquesas Insel Fatu Hiva durch den engen Kontakt zu den Einheimischen gesammelt und in seinem gleichnamigen Buch 1974 veröffentlicht. Danach haben die Polynesier an einen Schöpfergott, den sie Tiki genannt haben, geglaubt, der auch die Urmenschen, von denen alle abstammen, erschaffen hat, und die dann später wie einige Heroen der Geschichte gottähnlich verehrt worden sind. Nun mutet dieser Schöpfungsmythos wie ein monotheistischer Glaube an, der doch so gar nicht zu den sonst von allen Forschern behauptete Animismus und Ahnenglaube passt. Wie heißt es doch in Bertolt Brechts ‚Der gute Mensch von Sezuan‘: „„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen // Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Denn die Missionare, ob katholisch oder evangelisch, haben mit der Auslöschung der Erinnerung an die alten Mythen und Religion offenbar leider einen erstaunlichen Erfolg gehabt. Ähnlich wäre es mit dem Wissen um das Tätowieren gegangen, hätte nicht ein deutscher Ethnologe Karl von den Steinen auf seiner Forschungsreise 1896 auf den Marquesas alle Tattoo-Motive peinlich genau gesammelt und dokumentiert. Nur so konnten die alten Zeichen und Motive bis heute erhalten bleiben und sich nun einer erstaunlichen Renaissance erfreuen. Die christlichen Missionare und die französische Verwaltung hatten nämlich das Tätowieren mit aller Macht verboten. Heute erfreuen sich die Körperbilder im Rahmen einer Neubesinnung auf die eigene kulturelle Identität der Urbevölkerung einen offenkundige allgemeinen Popularität: kaum ein Mann, gleich welchen Alters und sozialer Schicht, aus dessen Hemdkargen sich nicht Bilder am Hals finden, oder an den Armen, die aus den kurzärmeligen Shirts ragen, auch denn der Kragen mit einem Managerschlipps zu gezurrt ist. Ähnlich tragen fast alle Frauen mindestens an den Beinen die Körperbider. Hier passt das zu den Menschen, zumal, wie wir erfahren, diese Zeichen Symbole für die eigene Biografie und das Zugehörigkeitsgefühl zu der eigenen Familiengeschichte bedeuten.

 

 

Dienstag, 29.11.2022. In allen Reiseführern wird als Hauptattraktion von Hiva Oa ein Besuch der kleinen Nachbarinsel Tahuata empfohlen. Also machen wir von dem Angebot des Tourenguides mit dem typischen polynesischen Namen Bryan O`Connor Gebrauch und fahren mit einer kleinen Gruppe netter Mitreisender über den windig-bewegte Bordelais Kanal auf die Lee-Seite von Tahuata. Schon vom Boot aus macht die kleine Schwester von Hiva Oa einen pittoresken Eindruck: schroffe, aber dicht bewaldete Berge türmen sich hinter weiß- oder gelbsandigen und palmengesäumten Stränden auf, ein eindrucksvoller Kontrast zu den vulkanisch schwarzen Stränden Hiva Oas. Zuerst legen wir an dem südwestlichsten Ort der Insel, Hapatoni, an, der bekannt ist für seine Knochen- und Korallenschnitzer. Ein kleines Begrüßungskomitee mit Trommel wartet schon auf die Besucher, die hoffentlich auch was von den kunsthandwerklichen Gegenständen kaufen. Die Angebote reichen von großformatigen Holzschnitzereien bis zu kleinen Anhängern aus Knochen oder Korallen, die Motive sind entweder stilisierte Meerestiere oder typische Polynesische Muster, die sich die Einwohner auch in Tattoos stechen lassen. Katrin gehört zu den wenigen, die zwei kleine hübsche Anhänger erstehen. Bei einer gut restaurierten Kultstätte (Marae), die aber weder spektakulär ist noch sich in ihrer Größe deutlich von den bisher besuchten abhebt, nimmt unser Guide Bryan die Gelegenheit wahr, um ausführlich über Geschichte und Kultur der Marquesas zu erzählen, leider nur in Französisch, so dass ich nach angestrengtem Zuhören bei einem Drittel Verständnis des Gehörten bald abschalte. Aber Bryan ist sehr wacker gesprächig, so dass sich das langweilige Warten ziemlich hinzieht. Auch Thomas hat nach eigener Aussage trotz seiner guten Französischkenntnisse nicht alles verstanden. Ich warte immer auf eine kleine Zusammenfassung in Englisch, wie er uns eigentlich bei der Vorstellung des Programms versprochen hat, leider vergeblich. Bei seinem Namen Bryan O´Connor habe ich mir gute Englischkenntnisse als selbstverständlich vorgestellt. Seine Abstammung spiegelt einen typischen Teil der polynesischen Gesellschaft wider. Sein Großvater ist als irischer Seemann auf den Marquesas hängen geblieben und hat ein einheimisches Mädchen geheiratet. Daher sein Name. Er bedeutet aber nicht automatisch, dass er etwa mit Englisch zweisprachig aufgewachsen ist. Außer den allgemeinen englischen Basikverständigungen ist leider von ihm nichts zu erwarten. Aber Bryan hat andere Qualitäten. Schon bei dem Empfang in Hapatoni demonstrierte er erstaunliche Trommelfähigkeiten. Nach dem Mittagessen ist er nicht m ehr zu halten. Aber dazu müssen wir zuerst in den größten Ort der Insel kommen. Da die Straße – wie üblich - kurvenreich über die Berge führt, ist der Wasserweg schneller und komfortabler. Bei der Gelegenheit erfahren wir, dass auf der ganzen Insel Tahuata gerade mal 700 Einwohner, auf 5 Örtchen verteilt, leben. Also keine drangvolle Überbevölkerung.

 

 Unser Boot pickt uns an dem kleinen Pier von Hapatoni auf und bringt uns nach Norden auf der Westseite in den größten Ort der Insel Vaihatu. Die Fahrt an der Küste entlang bietet ein wahres Augenfutter. Dass Vaihatu sozusagen die Kapitale von Tahuata darstellt, kann man an den repräsentativen Bauten der Grundschule und der relativ neuen Kirche ablesen. Nicht nur die erstaunlich großzügige Architektur, auch der bauliche perfekte Zustand lassen Fragen über die Finanzierung aufkommen. Leider hält sich Bryan hier erstaunlich schmallippig zurück. Es fällt allerdings auf, dass der Kirchplatz einem alten Marae ähnelt und dieTreppe zur Kirche von Tikis flankiert wird. Also greift man hier offenbar durchaus auf alte Überlieferungen zurück.

 

Di einzige Kneipe am Ort „Chez Jimmy“ wird auch in den Reiseführern als Geheimtipp erwähnt. Wir sind entzückt, dass Bryan nicht nur mit uns hier Lunch vorgesehen hat, sondern dass der Preis dafür schon in der Exkursionssumme enthalten ist, sogar das kühle Hinano-Bierchen. Eine Spezialität des Restaurants sind rohe Krabbenbeine. Ich finde den Geschmack nicht so sensationell, dass ich in den Lobgesang einstimme. Aber Katrin sitzt eine Mailänderin gegenüber, die jetzt in Paris lebt, die ist so hingerissen von dem Geschmack und öffnet die Krabbenbeine mit einer solchen Grazie, dass die beiden sich näherkommen. Endlich kann Katrin auch mal Italienisch parlieren.  Man merkt sofort, dass die Chemie zwischen Katrin und Sophie einfach stimmt. Der Kontakt sollte nicht auf den gemeinsamen Ausflug nach Tahuata beschränkt bleiben. Die anderen Bestandteile des Menüs würden meines Erachtens keine so deutliche Lobeshymne rechtfertigen. Aber das sollte nicht der Höhepunkt sein. Was bei Bryan sich schon bei dem Trommelduett in Hapatoni andeutete, brach sich nun endlich Bahn. Nach dem Essen war Bryan nicht mehr zu halten. Er nahm seine Gitarre zur Hand und sang marquesanische Lieder. Sofort gesellte sich der Wirt „Jimmy“ mit seiner Ukulele dazu, und eine junge polynesische Teilnehmerin aus Papeete machte das Trio mit ihrer Ukulele komplett. Die Musik, die uns nun erklang, machte einen kräftigen rhythmischen und melodiösen Eindruck. Sie ähnelte so gar nicht der auf den Gesellschaftsinseln üblichen monotonen „Kindermusik“, wie ich die langweiligen Vorträge mir die Freiheit nahm zu bezeichnen. Interessante abwechslungsreiche Lieder ließen das einheimische Kolorit erstrahlen und machten den Aufenthalt in Vaihatu zu einem großen Erlebnis. Schade, dass wir die Texte nicht verstanden.

 

Am Nachmittag ankerte das Boot noch in einer malerischen weißsandigen Bucht und bescherte uns ein Badeerlebnis, das man auf den strengen Marquesas, die ja eigentlich keine „Badeinseln“ im eigentlichen Sinne sind, so nicht erwartet hätte.

 

 

 

 

 

Nuku Hiva 30. 11. - 5. 12. 2022

 

Mittwoch 30.11.2022 Reisetag nach Nuku Hiva

 

Hiva Oa war einer der großen Höhepunkte unserer Reise. Wenn wir jetzt Abschied nehmen von unserer Unterkunft, so erfolgt dies mit zwiespältiger Emotion: nur schweren Herzens können wir uns von unserer Unterkunft mit dem grandiosen Blick über die Bucht von Atuona trennen. Auch wenn mich die Stichteppiche der Sandflöhe an den Beinen in den letzten Nächten haben kaum schlafen lassen, so werden wir die Unterkunft nie vergessen. Gerne trennen wir uns von der gastronomischen Seite des „Relais Moehau“.  Außer dem Früchteteller zum Frühstück kann ich mich an kein gutes Gericht erinnern. Der Fisch war trocken gekocht und die Pizza, eigentlich eine Spezialität des Hauses, eine Katastrophe. Statt Käse hat man hier alles in Crème fraîche ertränkt. Ich muss gestehen, dass ich noch nie eine so schlechte Pizza gegessen habe, selbst in den USA nicht. Und der Chef des Hauses und Besitzer, Georges Gramont, hält seinen Laden gut in Ordnung, aber in seinem patriarchalischen Selbstwertgefühl duldet er keine Abweichungen von seinen Ideen und Vorschlägen. Das machte den Umgang mit ihm nicht leicht. Vor allem Thomas musste sich an der Kommunikationsfront einiges sagen lassen. Der Flugplatz liegt auf einer Hochebene im Inneren der Insel. Also kann man ihn nur mit einer 29minütigen Autofahrt erreichen. Für die 117 km Distanz benötigt die Turboprop ca. 40 Minuten, bis sie dann in Nuku Hiva am äußersten Nordrand der Insel landet.

Die Entfernung zum Hauptort Taioha’e im äußersten Süden beträgt 46 km, das ist der Rekord auf den ganzen polynesischen Inseln. Wir haben eine Ferienwohnung gemietet und der Vermieter hat uns ein Taxi empfohlen, das uns nach telefonischer Anmeldung dann auch am Flugplatz abholt. Die mehr als einstündige Fahrt wird zu einer ersten Sightseeing-Tour von Nuku Hiva und zeigt die großen Unterschiede der Landschaften. Der Flugplatz liegt in der ariden Zone im Nordwesten, die eigentlich einer Wüste gleicht. Die Tiefblicke in den Canyon von Tapueahu verschlagen einem den Atem, zumal am Ende des Tales der tiefblaue Pazifik das Panorama einrahmt. Auf dem kleinen Pass direkt unterhalb des Mont Tekao, mit 1.224 m die höchste Erhebung der Insel, öffnet sich der Blick auf die dicht bewaldete Hochebene von Toovii, die mit saftigen Wiesen unterbrochen ist. Beim näher Herankommen erkennen wir, dass es sich dabei um stolze Kieferwälder handelt, die einen ganz unpolynesischen Eindruck vermitteln. Wir erfahren, dass es sich bei den Nadelbäumen um die Karibische Kiefer handelt. Ob der Baum hier heimisch oder massiv aufgeforstet worden ist, können wir leider nirgends in Erfahrung bringen. Die saftigen Wiesen sind von unzähligen Rinderherden bevölkert, denn Fleischerzeugung ist ein wichtiger Bestandteil der wirtschaftlichen Aktivitäten von Nuku Hiva.

Die Straße schwingt sich noch ein letztes Mal hoch zu einem kleinen Pass und dann reiben wir uns die Augen. Denn eine ähnlich schöne Bucht am Talschluss kann ich mich nicht erinnern je gesehen zu haben. Nicht umsonst wurde diese von steilen Vulkanbergen eingerahmte Bucht mit dem Hauptort der Insel, Taioha’e, von vielen Schriftstellern und Weltenbummlern als eine der schönsten der Welt bezeichnet. Ein riesiger Vulkankrater ist zum Meer hin eingestürzt und bildet nun die bizarr-pittoresken Randberge, die die einzige natürlich Bucht mit Tiefwasserhafen umranden. Unser Entzücken über diesen bezaubernden Ort sollte allerdings noch eine Steigerung erfahren: unsere Ferienwohnung, etwas erhöht über dem Strand bietet von der Terrasse einen atemberaubenden Blick über die Bucht und ist dennoch nicht so weit entfernt, dass wir noch das Rauschen der Wellen hören. Es ist nicht nur der einmalige Blick, auch die Geräumigkeit und moderne Ausstattung der Wohnung gewähren uns zum Abschluss unserer Polynesienreise noch einmal einen komfortablen Aufenthalt. So haben wir am Anfang in Tahiti und jetzt auf Nuku Hiva die angenehmsten und schönsten Unterkünfte.  

 

Da wir vier volle Tage für Nuku Hiva eingeplant haben, lassen wir den Donnerstag, 1.12. mal entspannt mit Erkundungen des Nahbereichs beginnen. Taioha’e hat mit seinen 2.700 Einwohnern als Verwaltungszentrum der ganzen Marquesas Inselgruppe natürlich alle wichtigen Einrichtungen: Gendarmerie, Krankenhaus, Post, sogar eine Subdivision administrative des Îles Marquises des Hochkommissariats von Französisch-Polynesien. Dennoch macht der Ort eher einen angenehm verschlafenen Eindruck. Es gibt keine großen Hotels (was überhaupt ein Qualitätszeichen der Marquesas Inseln ist), wenige Pensionen, nur am westlichen Ortsrand ein kleines hochpreisige Bungalow-Resort. Überragt wird der Ort von einer Anhöhe, auf die der damalige Bürgermeister 2017 eine riesige Tiki-Statue setzen ließ, als deutliches Zeichen einer Neubesinnung auf die alten Traditionen. Dazu passt die am nördlichen Rand der Bucht nachgebaute Kultanlage mit unzähligen Tikifiguren von einigen namhaften Künstlern der Marquesas, die anlässlich eines Folklore-Festivals 1995 errichtet wurde. Als Sitz des Erzbischofs beansprucht auch die 1974 fertig gestellte Kathedrale Notre-Dame des Marquises Aufmerksamkeit. Sie ist aus Steinen aller Marquesas Inseln errichtet und wird innen geschmückt durch beachtliche Holzreliefs verschiedener lokaler Künstler, die einen Eindruck von der Qualität der Holzschnitzkunst auf den Inseln geben.

 

Am Hafen finden wir nicht nur das Tourismusbüro, sondern auch die Markthallen und einige geschmackvolle Kunstgewerbegeschäfte. Die Leiterin des Tourismusbüros, Colette, vermittelt uns sowohl einen Mietwagen für den 2.12., als auch noch eine geführte Exkursion nach Hakahui am 3.12., so dass unserer Planungen erfolgreich abgerundet werden konnten. Das beständig gute Wetter auf den Marquesas Inseln bisher, das sich so positiv von dem unbeständigen Wetterlagen auf den Gesellschaftsinseln und Tuamotus unterscheidet, erleichtert natürlich noch einmal die Planung. Gegen Mittag wird es ordentlich heiß, so dass wir rasch einen schattigen Platz suchen, an dem auch noch ein kühles Bierchen zu haben ist. Vorher aber haben wir unsere Freude, ein Grundschulfest an dem kleinen Strand im östlichen Teil der Bucht zu beobachten, wie die Kinder ausgelassen im Wasser toben oder in den aufgestellten Zelten sich erfrischen. Thomas testet mit Erfolg das kleine Inselhospital, wo ihm der diensthabende Arzt erfolgreich einen Pfropf, der sich durch Wassereindringen vor dem Trommelfell gebildet und seine Hören im linken Ohr beträchtlich beeinträchtigt hat, absaugen kann. In unmittelbarer Nähe unserer Ferienwohnung befinden sich auch zwei Supermärkte, die uns etwas unabhängiger machen von den Restaurants. Denn das einzige Restaurant in der Nähe bietet nur mäßige Qualität. Auch beim zweiten Versuch kann eigentlich nur die Pizza halbwegs überzeugen, während das Muschelgericht für Katrin ungenießbar ist. Allerdings müssen wir die Muscheln gerechterweise dann auch nicht bezahlen.

 

Unsere modern eingerichtet Wohnung bietet auch die technische Gelegenheit, dass wir 1.12. das WM spiel Deutschland gegen Costa Rica uns ansehen können. Das wirkt in diesem ganzen Ambiente ein Stück weit irreal.

 

Freitag, 2.12.2022 Osten der Insel Nuku Hiva

Als uns die Inhaberin des Mietwagen Office an unserer Ferienwohnung abholt, ist es schon ziemlich heiß. Gut, dass wir heute vor allem mit dem Auto unterwegs sind. Zunächst müssen wir uns auf der Straße nach Norden bis an die Südabstürze des Mont Muake, den Hausberg von Taioha’e, hinausschrauben bis zur Straßengabelung nach Osten ins Tal von Taipivai. Bevor die Straße wieder kurvenreich ins Tal führt, haben wir von einem Aussichtpunkt noch einen grandiosen Blick in die beiden Buchten von Hooumi. Und der Blick schweift über das  Taipivai-Tal, eines der fruchtbarsten und malerischsten im ganzen Marquesas-Archipel. Es ist von tiefgrün wucherndem Dschungel bedeckt, Plamen und Bananenbäume kämpfen gegen das wuchernde Grün. Farne und Moose klettern fast senkrechte Felswände empor. Schroffe Grate trennen die tief eingeschnittenen Täler. Das ist in der Tat sehr eindrucksvoll. In unserer Ferienwohnung hatten wir gestern einen Bildband über die Geschichte Nuku Hivas gefunden, in dem auch von einem Überfall eines deutschen Kriegsschiffes im September 1914 auf Taioha’e erzählt wird. Just in der nördlichen Bucht von Hooumi „Baie du Contrôleur“ habe der Kreuzer Scharnhorst geankert, während die deutschen Matrosen im Taipivai-Tal Lebensmittel requiriert hätten, wohl auch nicht immer mit Geld, sondern auch mit Gewalt. Und nun stehen wir an dieser malerischen Bucht, in die der Taipi-Fluss sich schlängelnd mündet. Gottseidank unter anderen Umständen. Feindselig sind nur die Sandflöhe, die uns rasch aus der Idylle vertreiben. Der Hauptort der Talschaft bietet ein weitläufiges Marae-Gelände mit vielen Plattformen und Tikis. Auch wenn die ganze Anlage eine moderne Rekonstruktion mit teilweise originalen Artefakten darstellt, beflügelt sie doch unsere Fantasie, wie die weitläufig im Dschungel des Tales verstreuten Kultstätten ausgesehen haben mögen. Der amerikanische Schriftsteller Herman Melville, der Autor von Moby Dick, hat mit einem Kumpel 1841, nachdem er von einem Walfänger desertiert war, hier mehrere Wochen mit den Einheimischen gelebt. Er hat seine Erlebnisse in seinem Erstlingswerk „Typee“, einem Gemisch aus Abenteuerroman, Reisebericht und Zivilisationskritik, das ihn auf einen Schlag berühmt gemacht hat, verarbeitet. Wir müssen uns heute nicht mit Macheten einen Weg durch das Dickicht schlagen, sondern eine Straße, mag sie auch noch so schmal und halsbrecherisch sein, schlängelt sich am Talschluss zu einem kleinen Passe steil in die Höhe. Sie fordert von Thomas als Driver höchste Konzentration. Auf der anderen Seite jedoch erwartet uns ein Blick auf die Hatiheu-Bucht, der schon nicht mehr als real bezeichnet werden kann. Eigentlich versagen hier die Worte bei diesem Naturwunder. Ich versuche es trotzdem: tief in das dichte Grün eingeschnitten, schimmert die fast halbmondförmige Bucht in einer Farbpalette von Türkis bis Marineblau. Eingerahmt wird das Bild links durch eine Kette bizarrer Basaltspitzen, die wie Orgelpfeifen senkrecht in Höhe streben. Wir müssen an winzigen Haltebuchten immer wieder aussteigen, denn die Szenerie verändert ständig ihr Bild, je näher wir der Bucht kommen. Aber zuvor hält uns doch noch ein gut erhaltener Kultplatz auf, der sich zwar nicht von bisher Gesehenem abhebt, aber zwei interessante Steinfiguren enthält: ein sehr kompakter weiblicher Tiki und eine Steinplatte, die eine stilisierte Meeresschildkröte trägt. Ich habe viel darüber gelesen, dass den Polynesiern die Meeresschildkröte heilig war. Hier ist nun ein anschaulicher Beweis.

In dem kleinen Ort Hatiheu betreibt die Bürgermeisterin ein Restaurant, das in den Reiseführern gerühmt wird. Zu Recht, denn hier können wir wieder mal schmackhaft zubereiteten Fisch oder Garnelen genießen. Das war leider so oft nicht der Fall. Die kleine Anlegestelle für Boote kuschelt sich an den östlichen Saum der Bucht. Wir verhandeln mit Bootseignern über einen Bootstransfer in die Nachbarbucht von Anaho, bekommen aber keine klare Information. Also entschließen wir uns, zu Fuß über den kleinen Pass in die Bucht zu wandern. Der Abstecher zum Bootsanleger war aber nicht umsonst. Von hier aus hat man einen unglaublichen Blick über die Bucht. Wie in einem Spiegelbild zu dem Panorama, das uns von oben bei der Anfahrt begeistert hat, begrenzt die felsige Orgelpfeifen-Kette nun rechts Naturbild.

Ein kleines Stück bis zu einem Wanderparkplatz können wir mit dem Auto fahren, dann müssen wir zu Fuß weiter – auf einem gut angelegten Pfad – zunächst durch dichten Busch, dann wird die Vegetation immer lockerer, Bananenbäume und Kokospalmen schirmen uns von der sengenden Sonne ab. Statt auf einem Nadelteppich wie im Schwarzwald laufen wir weich auf abgefallenen Palmenwedeln. Gelegentlich begegnet uns ein Reiter oder ein Mulitreiber mit einem voll beladenen Tier. Denn die Verbindung der beiden Buchten ist nur über Wasser oder auf dem Wanderpfad möglich. Die Hitze verlangsamt den Schritt, je höher wir kommen und je mehr der Weg an Steilheit zunimmt, bis sich – zum zweiten Male heute – ein kaum beschreibbarer Blick auf die Bucht von Anaho öffnet. Wenn der Begriff Traumbucht überhaupt Verwendung für natürliche Landschaften finden kann, dann beansprucht diese Bucht mit Recht ihn als Synonym. Das empfand schon 1888 der Schriftsteller Robert Louis Stevenson, der Autor der „Schatzinsel“, als er auf Nuku Hiva weilte und die Bucht von Anaho als die schönste der Welt rühmte. Sie scheint, wie ein riesiges schwimmenden Amphitheater, dessen linker Rand ins Meer abgebrochen ist. Gesäumt wird die Bucht von einem feinen hellgelben bis weißem Sand, ungewöhnlich für eine Vulkaninsel. Nur wenige Bewohner bevölkern diese schwer zugängliche Bucht. Aber auch hier baut man fleißig an einer neuen Kirche. Ein Boot liegt im flachen Wasser, mit dessen Kapitän ich rasch handelseinig für einen Bootstransfer zurück zur Hatiheu-Bucht werde. Die verbleibende Zeit verbringen wir mit Baden, träumerisch über die Bucht zu schauen und uns in der sehr ländlichen einsamen Kneipe „Chez David“ mit einem Hinano-Bierchen zu erfrischen.  Doch dann waten wir zu der kleinen Barkasse, die uns zurück nach Hatiheu bringt. Sobald das Boot die friedliche Bucht verlassen hat, muss sie mit den Wellen des Pazifiks kämpfen. Nun erleben wir hautnah den großen Unterschied der Marquesas, die als einzige der polynesischen Inselgruppen nicht von einem schützenden Riff umgeben sind, sondern sich ungebremst dem Pazifik entgegenstemmen. Selbst bei gutem Wetter und mäßigem Wind wird die Fahrt für das kleine Boot zu einem Höllenritt zwischen Wellenkämmen und-Tälern. Erst in den ruhigen Gewässern der Hatiheu-Bucht können wir uns wieder ganz den Naturschönheiten widmen. Denn nun malt die tief liegende Sonne aus der Silhouette der bizarren Berggipfel eine kontrastreiche chinesische Tuschezeichnung.

 

Samstag, 3.12.2022

Da bei einem früheren Besuch des Fischmarktes bereits um 8 Uhr schon aller Fisch ausverkauft war, versuchen wir es heute um 6 Uhr morgens und werden fündig. Wie wir vermutet haben, werden nicht nur Thunfische angeboten, sondern auch andere kleinere Seefische, von denen drei für relativ wenig Geld (verglichen mit den hier auch für einheimische Produkte üblichen Preisen) erstehen.

Um 8 Uhr 30 legt das Boot für die Exkursion in das Hakaui-Tal ab. Mit uns nehmen noch 10 andere Personen unterschiedlichen Alters teil, die, samt und sonders Franzosen, offenkundig zu einer Reisegruppe eines größeren Resorts bei Taioha’e gehören, also eine ziemlich homogene Gruppe bilden. Es versteht sich, dass ich mal wieder mit Abstand der älteste Teilnehmer bin. Selbst bei ruhiger See am Morgen tanzt das Boot auf den Wellen und wir müssen uns mit Plastikplanen gegen die kleinen Wellenbrecher, die immer wieder über die Reling klatschen. Anders als bei allen anderen Inselarchipelen französisch Polynesiens schützt eben kein Korallenriff vor der Wucht des Pazifiks. Das wird uns immer wieder eindrücklich bewusst.

Als wir uns der westlich von Taioha’e gelegenen Bucht von Hakaui nähern, sind wir hingerissen von der Bergkulisse, die das dicht bewachsene gleichnamige Tal mit senkrechten Felsmauern, die von einer zarten grünen Flora kuschelig überzogen sind, begrenzen. Nach dem Wet-landing an dem lavaschwarzen Strand erfahren wir, dass der weltberühmte Wasserfall Te Vaipo leider ausgetrocknet sei und deshalb nicht unser Ziel. Man kann sich die Enttäuschung in unseren Gesichtern vorstellen, da wir eigentlich vor allem wegen dieses Wasserfalls, der mit seiner Fallhöhe von 350 m zu den größten des ganzen pazifischen Raumes zählt, die Exkursion gebucht haben. Uns erwartet also ein Spaziergang durch das Tal mit vielen Erläuterungen zu Flora und kulturellen Dingen. Denn das Tal, das nun gerade mal heute von 5 Familien bewohnt wird, hätten früher ca. 8000 Menschen besiedelt. Aus dem Spaziergang wird dann doch noch eine kleine Wanderung und der Weg ist oft so beschaffen, dass der Einsatz meiner Wanderstöcke, die ich bisher überallhin umsonst mitgeschleppt habe, gerechtfertigt ist. Wir sammeln Pampelmusen, die in Polynesien am weitesten verbreitete Citrusfrucht, die auch einen angenehmeren, wesentlich weniger bitteren Geschmack hat, natürlich auch Bananen, werden auf wild wachsende Vanillepflanzen aufmerksam gemacht und lernen einen Baum kennen, dessen Früchte wie Maisschoten aussehen, aber die Körner platzen auf und geben eine dichte Wolle frei, die die Polynesier offenbar für ihre Textilien früher verwendet haben. Leider spricht unser Führer schnell und nicht immer so artikuliert, dass ich Mühe habe, sein Französisch zu verstehen. Er ist ohnehin total auf die französische Gruppe fixiert, von der wir auch kaum wahrgenommen, geschweige denn integriert werden. Bei seinen kulturellen weitschweifigen Erklärungen über geheimnisvolle heilige Bäume, ein in die Felsen gehauenes Priestergrab hoch an den Felswänden schalte ich langsam ab, so dass ich die interessanten Erklärungen zu einem viereckigen in den Boden mit Steinwänden eingefriedetes Loch nur bruchstückhaft aufnehme. Handelt es sich doch offenbar nicht um einen Erdofen, wie ich zunächst annehme, sondern ein Gefängnis, in das die Gefangenen mit gebrochenen Beinen hineingeworfen wurden, bis sie dann rituell verspeist worden sind. Was ich zunächst für eine Räuberpistole für sensationshungrige Touristen gehalten, auch nur bruchstückhaft versagenden habe, wird später durch vertiefende Lektüre bestätigt. Es scheint doch wohl Kannibalismus gegeben zu haben. Leider ist offenbar 2011 ein deutscher Weltumsegler auf Nuku Hiva Opfer eines solchen Verbrechens geworden, wie jüngst nach Aussage des Spiegels ein Gericht bestätigt hat.

 

Der Weg führt durch dichten Urwald mit gelegentlichen Ausblicken auf die fast senkrechten Felswände an den Flanken, quert auch mal einen Bach mit beachtlicher Strömung, den man entweder halsbrecherisch über Steine balancierend oder bis zu den Knien watend überwinden muss, bis er an einem kleinen Aussichtspunkt endet. Von hier aus hat man einen eindrucksvollen Blick auf den Wasserfall, dessen Rinne in der Schlucht noch gut zu erkennen ist. Da das Tal sich immer mehr zu einer Schlucht Sackgassen ähnlich verenge, lohne es sich nicht, noch weiter zu laufen, erfahren wir. Es ist erstaunlich, dass der Wasserfall versiegt ist, wo doch der Bach, der das Tal entwässert, immer noch ordentlich Wasser führt. An dem Rastplatz werden nun erst einmal die gesammelten Pampelmusen und Bananen verspeist, quasi als Vorspeise. Denn das Lunch erwartet uns nach der Rückkehr zu den paar spärlichen Hütten. Die einsame Telefonzelle hier wirkt wie eine Filmkulisse, ist aber die einzige Verbindung dieses Tales zur Außenwelt, da auch kein Mobilfunk hier empfangen werden kann. Es gibt – man darf raten, richtig – Thunfisch mit grünen Bananen als Fritten und Tarogemüse, eine wirklich lokale Mischung, auch ganz ordentlich zubereitet. Allerdings ist das Essen, anders als bei Bryans Angebot auf Hiva Oa, nicht im Ausflugspreis inbegriffen.  Bei den Essensgesprächen erfahren wir, dass auf Nuku Hiva offenbar eine Fischkrankheit kursiert, die auch nach dem Verzehr bei Menschen schon zu Todesfällen geführt hat. Wir denken mit betroffenen Mienen an unsere heute Morgen gekauften Fische, die wir eigentlich heute Abend genießen wollen. Während andere Teilnehmer die Zeit nach dem Essen für Schwimmen in der Bucht nutzen, reichen uns die Blicke über die einmalig eindrucksvolle Landschaft.

 

Als wir aus der Bucht ausfahren und die ersten ungebremsten Pazifikwogen das Boot schütteln, fällt der Motor aus und lässt sich auch nicht mehr anschmeißen. Eine ziemlich prekäre Situation, da uns die Strömung Richtung Klippen drückt. Vor allem befremdet uns das offenkundig hilflose Verhalten des Kapitäns und seiner Frau, unseres Führerduos. Damit uns die Strömung wieder zurück in die schützende Bucht treibt, wird Paddelanstrengung des Kapitäns und zweier Teilnehmer notwendig. Vor allem verärgert uns das Ausbleiben jeder Information und Verteilen der Rettungswesten. Alle scheinen den Ernst der Situation nicht so ganz begriffen zu haben, wenn ein Motorboot ohne Antrieb hilflos im Wasser treibt. Es erheitert sie sogar, als zwei riesige Haie um das Boot schwimmen, als hätten sie besser die prekäre Situation begriffen und sich Hoffnung auf ein leckeres Dinner gemacht. Unser Führerduo versucht mit Funk und mit Winkzeichen sich irgendwie Personen am Strand der Hakaui Bucht bemerkbar zu machen. Wir verstehen die Situation erst, als dann vom Strand aus ein kleines Motorboot mit zwei Einheimischen auf uns zuschnellt und unserem Kapitän zwei Kanister Benzin bringt. Das ist ja wohl eine unglaubliche Fahrlässigkeit des Kapitäns, den Kraftstoffstand vor der Abfahrt nicht überprüft zu haben. Unsere Retter helfen auch noch, unser hilflos treibendes Boot von den bedrohlich nahen Randfelsen der Bucht zu ziehen, während unser Kapitän seelenruhig tankt. Wie gefährlich die Situation hätte werden können, wenn der Motor nicht so kurz nach der schützenden Bucht ausgefallen wäre, wird Thomas und mir bewusst, als auf der gottseidank dann störungsfreien Heimfahrt das Boot gegen die hohen Wellen des Pazifiks ankämpfen muss und einem wahren Höllenritt ausgesetzt ist. Nicht auszudenken, wenn der Motor hier ausgefallen wäre…. Zur Steigerung der Unbehaglichkeit fahren wir noch in eine dichte Regenwand hinein.  Thomas lässt beim Anlanden am Hafenkai seinem Unmut über die unprofessionelle Fahrlässigkeit der Bootsführer freien Lauf. Sein gutes Französisch macht es ihm möglich, unsere Kritik an dem Verhalten der Bootsführer klar und deutlich anzusprechen, was diese offenbar nur wenig beeindruckt. Es wundert uns, dass auch die anderen Mitfahrer so sorglos und unkritisch die Sache aufnehmen. Sie haben offenbar keine Ahnung, in welcher Gefahr wir geschwebt haben.

Eigentlich könnten wir sagen: „Ende gut, alles gut!“, wenn die Sache mit der Fischkrankheit nicht wäre. Um alle Zweifel auszuräumen, bittet Thomas unseren Vermieter telefonisch um Rat. Unser Vermieter Rogatien nimmt die Sache so ernst, dass er stante pede erscheint, um die Fische zu inspizieren. Er kann uns beruhigen, dass wir offenbar Fische gekauft haben, bei denen diese Krankheit nicht vorkommt. Danke, Rogatien! So können wir als Abschluss dieses aufregenden Tages noch ein selbst zubereitetes Fischmenü genießen.

 

Den Sonntag, 4.12.2022 verbringen wir hauptsächlich in unserer schönen Wohnung mit Packen, Lesen, Tagebuch für die Webseite schreiben und den dritten Fisch zum Lunch zu verspeisen. Die Ruhe tut uns gut, da das Wetter heute zum ersten Mal, seit wir auf den Marquesas Inseln sind, unbeständig immer mal Schauern über die Bucht schickt. Der Ausblick von unserer überdachten Terrasse entschädigt für unterbliebene Aktivitäten. Auch heute zaubert die pittoreske Bucht mit dramatischen Wolkenspielen zwischen den dichten Regenschauern immer neue faszinierende Bilder. Erst am Nachmittag   verabschieden wir uns mit einem kleinen Spaziergang am Ufer der Bucht von Taioha’e und einem letzten Bad im Pazifik.